Festival Junger Talente 2008 auf dem ehemaligen Hafengelände Offenbach

Fatzern

Fatzern (2008)

von Lea Letzel und Ivna Zic

Eine theoretische und künstlerische Auseinandersetzung mit dem Fatzer-Fragment von Bertolt Brecht.

In Zusammenarbeit mit Tassilo Letzel.

Ein Jahr lang haben wir uns sowohl theoretisch als auch künstlerisch intensiv mit dem Fatzerfragment von Brecht auseinandgesetzt. Der Anstoss zu dieser nachhaltigen Beschäftigung wurzelt in einem Seminar von Prof. Dr. Nikolaus Müller-Schöll am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft Giessen.

Erste performative Elemente fanden sich in einem Referat, das sich mit der Problematik unterschiedlicher Ordnungssysteme (Suhrkamp Verlagsausgabe/ Heiner Müller Stückfassung) des Materials auseinandersetzte. In einer Hausarbeit in Form eines Arbeitsjournals entstand in gemeinsamer Autorschaft eine eigene Stückfassung, die dann 2008 beim Festival Junger Talente zur Aufführung gebracht wurde.

Die vom Suhrkamp Verlag vorgenommene Nummerierung des Fragments (Einteilung in 3 Abschnitte (A,B und Kommentar) erschien uns zu grob, die Texte des Kommentars fassten wir als selbstverständlichen Teil des Stückes auf. Wir suchten nach einer eigenen Ordnung im Fragment und sortierten nach unterschiedlichen Kategorien. Diese Kategorien wurden so ausgewählt, dass jeder Textteil dort eingepasst werden konnte, nicht nur einmal, auch mehrmals. Dieses, zugegebenermaßen sehr subjektive, Prinzip, erlaubt eine intensive Auseinandersetzung mit jeder einzelnen Textpassage.

In einem zweiten Schritt verfassten wir gemeinsam im universitären Rahmen eine theoretische Arbeit zum Fatzerfragment. Das Ziel dieser Arbeit war es, das Konzept einer eigenen Fatzerfassung zu erarbeiten. Dieses Konzept sollte einerseits aus dem Fatzermaterial selbst, andererseits aus einer Materialsammlung an eigenen Gedanken, Themen, Motiven zum Fatzer, über Fatzer, von Fatzer angeregt, entstehen. Zwischen den zwei Materialansammlungen sollte keine Wertung bestehen. Sie waren von gleichwertiger Bedeutung und bildeten zusammen das Konzept.

Für die Erarbeitung unser eigenen Fassung entwickelten wir eine Methode, für die wir zwei autonome Stränge erstellten, die über einen Zeitraum von 3 Monaten etwa 4 mal zwischen uns ausgetauscht wurden. Ein Strang der Arbeit befasste sich intensiv mit der Opposition von Masse und Individuum und kreiste um den Begriff des Asozialen bei Brecht. Der zweite Strang der Arbeit kreiste um die Möglichkeiten künstlerischer Strategien in Bezug auf Aktualität, im Sinne von Reagieren auf gegenwärtige gesellschaftliche Zustände und deren Mitgestaltung. Des Weiteren problematisierte diese Arbeit den Begriff der Indifferenz (als Austauschbarkeit von Wertsetzungen einer Aussage) anhand der Fragen nach einer Lebensform des Aufschubs, nach Standpunkten und Konsequenzen im Handeln.

Nach dem Beenden dieser theoretischen Vorarbeit wurde der Wunsch zur Umsetzung mit dem Stattfinden des Festivals Junger Talente 2008 auf dem ehemaligen Hafengelände in Offenbach greifbar.

Wir wussten, dass unsere Umsetzung des Fatzermaterials nicht auf einer Theaterbühne stattfinden konnte, Der in sich geschlossene Raum würde dem fragmentarischen Textmaterial nicht gerecht werden können. Unsere Dramaturgie sollte keine klassissche Narration bilden, sondern die im Fragment enthaltenen Lücken und Risse transparent halten. Die Industriebrache bildetet für unsere Version des Fatzer den idealen Nährboden: Die sogenannten terrain vagues, die innerstädtischen Brachflächen, die im Zuge der kulturellen Zwischennutzung für Künstler nutzbare Freiflächen sind, sind Gebiete des Nicht-mehr und des Noch-nicht, an welchen sowohl die Fragment gebliebenen Textteile, als auch die Figur des Fatzers in ihren nur schwer fassbaren Facetten nicht nur ihre Entsprechung, sondern gleichzeitig auch den Kontrapunkt fanden. Das Fragment als als ein nicht mehr und noch nicht.

 FATZER: Vor allem wissen / An welchem Punkt der Landkarte wir / Aus der blutbeschmierten, undeutlichen, verdammten Erdkruste / Herausgekrochen sind / Was sie hier haben zum Fressen /  Was für Leute, wieviele /     Überhaupt noch da sind. Denn hier, das fühl ich / Bleiben wir länger.

 Während wir uns in einem ersten Bild aus zwei Erdlöchern ausgruben, um in diesem Niemandsland in Offenbach anzukommen, kreiste der weitere Verlauf der Performance um die Gegensätze von Bewegung und Stillstand. Das in Zusammenarbeit mit dem bildenden Künstler Tassilo Letzel entwickelte Moped, seiner ursprünglichen Funktion beraubt, dreht seine Runden auf unserem Bühnenort. Es ist nicht nur die Übersetzung des immer wieder im Textmaterial auftauchenden, nur schwer zuortbaren Motors, sondern thematisiert in seiner Kreisbewegung die Kreisbewegung des Materials selbst, seine Wiederholungen und neuen Versuche und stellt latent die Frage der Zugehörigkeit und der Besitzverhältnisse. Durch unterschiedliche Darstellungen von Bewegung und Stillstand wurde die paradoxe Dialektik der Fatzer-Situation gezeigt. Ein Nicht-Bewegen aus Absicht. Ein Warten. Und in diesem Warten das Verhältnis von Einem zu Vielen.

Dabei sollten die unterschiedlichen Textqualitäten, die im Fatzermaterial auffindbar sind, beibehalten werden: es gab Listen, Chöre, Dialoge, Notizen, Szenentitel, unfertige Gedanken sowie ausformulierte Thesen. Dazu der Versuch, für jede Textstelle das richtige Mittel für die Umsetzung zu finden. Stimme und Körper als Textträger, zeitweils vereinigt in einer Dialogstruktur, dann wieder komplett losgelöst – die Stimme ohne Körper, nur auf Band; Text als Schriftzug, der zum Akteur wird, der Chor als eigenständig (weiter)“sprechende“ LED-Schrift, der Chor auf Tonband – losgelöst vom jeweils einzelnen Körper versuchen wir u.a. der Idee des Chores näher zu kommen. Letztlich war keine von uns Fatzer – doch wenn durch die unterschiedlichen Bilder so etwas wie eine Figur entstanden ist, so ist sie zwischen uns entstanden.

Aufführung im Rahmen des Festivals Junger Talente im September 2008 auf der Hafeninsel Offenbach.

Im Februar 2012 wurden wir zur Tagung „Brecht Perspektiven“ eingeladen, um unsere Arbeit vorzustellen.